„Reiselyrik“ – erneut steht dieser Themenschwerpunkt auf dem Deutsch-Lehrplan für die saarländischen Abiturprüfungen. Das war der Anlass für die Fachschaft Deutsch, auch in diesem Jahr wieder zwei Schauspieler des St. Arnualer Theaters Überzwerg ans PWG einzuladen. Jedes Jahr bietet das Ensemble die jeweiligen Lyriksequenzen des Abiturs von Großstadtlyrik, Lyrik des Exils über die Naturlyrik bis hin zur Reiselyrik als Lesung an, um den angehenden Abiturientinnen und Abiturienten einen Zugang jenseits von Formalanalyse und Interpretation zu bieten. Organisiert werden die Lesungen vom Friedrich-Boedecker-Kreis, einer Stiftung, die sich die Förderung des Lesens auf die Fahnen geschrieben hat.
Nun bekamen die Schülerinnen und Schüler der Kursstufe 12 des Peter-Wust-Gymnasiums Gelegenheit, den Schulstoff einmal anders wahrzunehmen. Nicht die kopflastige Analyse der Gedichte stand hier im Vordergrund, sondern die unmittelbare Wirkung des Gedichtvortrags auf den Zuhörer.
Besonders reizvoll geriet die professionelle Darbietung von Eva Coenen und Gerrit Bernstein durch eine differenziert modulierte Vortragsweise, die eine emotionale, aber auch unterhaltsame Wahrnehmung der Gedichte ermöglichte. In Verbindung mit schauspielerischen Elementen gelang es ihnen, die vielen Facetten des Reisens erkennbar und fühlbar zu machen.
Den Auftakt bildete das romantische Gedicht „Die zwei Gesellen“ von Joseph von Eichendorff, das alle Schüler aus dem Unterricht kannten. Es folgten weitere bekannte Gedichte, wie Goethes „Wanderlied“ oder Joseph von Eichendorffs „Sehnsucht“. Als Einstieg in die modernere Lyrik diente Mascha Kalékos „Vagabundenspruch“, in dem es um das unfreiwillige Reisen ins Exil geht. Für zunächst einige Irritation, dann aber großes Amüsement sorgte Ernst Jandls dadaistisches Gedicht „Calypso“, in dem der lyrische Sprecher beklagt: „Ich was not yet in brasilien nach brasilien wuld ich laik du go…“ In der Ballade „John Maynard“ von Theodor Fontane ging es mit der Fahrt eines brennenden Schiffes über den Eriesee dramatisch weiter. Hier durften auch Zuhörer mitmachen und „Feuer!“ oder „Noch da, John Maynard?“ rufen.
Die gelungene Mischung aus insgesamt 31 älteren und neuen Gedichten machte die ganze Bandbreite des Reisens deutlich: die Sehnsucht und Begeisterung der Romantiker, die Verzweiflung der Exilanten sowie die Kritik am modernen Massentourismus. Für die Schülerinnen und Schüler war es zum Ende ihrer Schulzeit eine willkommene Abwechslung vom gewohnten Lyrik-Unterricht.
(Katja Schmitt)


